Experiment mit Steigerungspotential

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Frauen-Einzelmeisterschaften 2015

Sieger-Treppchen der Frauen-Einzelmeisterschaften 2015.

Vor wenigen Tagen, vom 26. bis 28. Juni, fand in den Räumen unseres Schachclubs die erste gemeinsame Frauenmeisterschaft der Landesverbände von Rheinland-Pfalz und Saarland statt. Zunächst ein Bericht über dieses Turnier aus meiner Feder für den Saarländischen Schachverband:

Eine gemeinsame Frauenmeisterschaft im Schach von zwei Landesverbänden – macht so etwas Sinn? Man wird diese Frage in jedem Fall dann bejahen können, wenn jeder Landesverband für sich nur wenige Spielerinnen zur Teilnahme motivieren kann. Im vergangenen Jahr spielten im Saarland lediglich 8 schachbegeisterte Frauen den Meistertitel aus, in Rheinland-Pfalz fiel das Turnier mangels Interesse sogar vollständig aus. Was liegt also näher als ein gemeinsames Turnier – ein Modell, das auch andere Verbände bereits für sich entdeckt haben. Vor wenigen Tagen verzeichneten Hamburg und Schleswig-Holstein bei der gemeinsamen Meisterschaft die Rekordteilnehmerzahl von 36.

Ganz so optimistisch ging man im Südwesten die Sache natürlich nicht an, aber bei zwei Verbänden mit insgesamt 91 (Saarland) bzw. 253 (Rheinland-Pfalz) weiblichen Mitgliedern sollten es ja doch zwischen 15 und 20 Spielerinnen nach Birkenfeld schaffen – so jedenfalls die Hoffnung der ausrichtenden Schachfreunde Birkenfeld. Letztlich wurden es 8. In Worten: a c h t !!! Diese enttäuschende Zahl ist nicht nur mit Terminüberschneidungen zu Vereins-Events oder dem zeitgleich in der Nähe, in Ramstein-Miesenbach, stattfindenden Rheinland-Pfalz-Tag zu erklären, obwohl es seitens der ausrichtenden Verbände auch nicht geschadet hätte, diese Termine bei der Planung zu berücksichtigen und eventuell ein anderes Wochenende für die Meisterschaft zu wählen. Generell ist leider festzustellen, dass Meisterschaften bei Männern wie Frauen auf zunehmend weniger Interesse stoßen – im Fall der Frauenmeisterschaft schlägt dies naturgemäß – da nun einmal wesentlich weniger Frauen in den Vereinen aktiv sind als Männer – noch fataler zu Buche als bei den offenen Meisterschaften. Hier wäre eine deutlich stärkere Kommunikation unter den Spielerinnen und zwischen Spielerinnen und Funktionären notwendig, und zwar offensichtlich in beiden Verbänden.

Das Turnier begann mit leichten Startschwierigkeiten: Da zwei abweichende Ausschreibungen kursierten, musste zunächst die Frage der Bedenkzeit geklärt werden. Letztlich entschied man sich für eine „klassische“ Bedenkzeit ohne Inkrement. Danach verlief das Turnier reibungslos und ohne jede Störung. Wolfgang Pitsch (SF Wadgassen/Differten), der als Schiedsrichter fungierte, hatte somit einen angenehmen Job. Die Organisation des Turniers lag in den Händen des ausrichtenden Vereins, der sich – besonders in Person des Vereinsvorsitzenden Kurt Geibel – mit großem Engagement um die Teilnehmerinnen bemühte. Neben dem obligatorischen Kaffee und Kuchen wurde auch für warmes Mittagessen an beiden Turniertagen gesorgt, das bei den Spielerinnen überwiegend gut ankam.

Runde1
Blick in den Turniersaal während der 1. Runde

Sportlich ist ein Schweizer Systemturnier mit 8 Teilnehmerinnen über 5 Runden natürlich problematisch – am Ende kommt es naturgemäß zu merkwürdigen Paarungen mit großen Spielstärkeunterschieden. Doch ist dieses Problem ja leicht zu lösen, wenn im kommenden Jahr mehr Spielerinnen an den Start gehen 😉 Von den 8 Teilnehmerinnen stammten 6 aus Rheinland-Pfalz, aber ausgerechnet beim Kampf um den Titel der Rheinland-Pfalz-Meisterin war schnell die Spannung raus: Zu souverän zog Monika Braje von der SG Trier ihre Bahn. Das einzige Remis gab sie in der 2. Runde gegen Helen Weinmann (SV Schwalbach) ab, mit dem Sieg gegen die nominell stärkste Kontrahentin aus Rheinland-Pfalz, Dr. Katharina Peetz (SK Zweibrücken), in der 3. Runde war bereits eine Vorentscheidung um den Titel gefallen.

Peetz-ZieglerRunde 1: Dr. Katharina Peetz (links) – Sabine Ziegler

 Viel spannender machten es die beiden saarländischen Spielerinnen. Neben Helen Weinmann trat mit Sonja Noll (Caissa Schwarzenbach) die Titelverteidigerin an, die jedoch im Vergleich zu ihrem überzeugenden Erfolg aus dem Vorjahr diesmal deutlich weniger souverän wirkte. Bereits in der 2. Runde wackelte sie gewaltig und rettete nur mit viel Glück und gütiger Mithilfe ihrer Gegnerin den Punkt gegen Katharina Peetz. Das direkte Duell der beiden Saarländerinnen in der 3. Runde endete unentschieden, so dass Sonja mit einem halben Punkt Vorsprung in den letzten Tag ging – und diesen Vorsprung durch eine Niederlage gegen Monika Braje umgehend in einen halben Punkt Rückstand verwandelte, da Helen gleichzeitig eine lange Partie gegen Beate Tröger (Vorw. Orient Mainz) gewann. Sonja kam aus dem Kopfschütteln über ihr Spiel nicht mehr heraus und hatte wohl vor der Schlussrunde den Titel bereits abgeschrieben. Zwar gewann sie souverän ihre letzte Partie gegen das große Birkenfelder Nachwuchstalent Katharina Bohrer, aber Helen hatte in ihrer eigenen Partie gegen Katharina Peetz „Matchball“ zur Meisterschaft. Bereits ein Remis hätte wegen der besseren Buchholzwertung genügt. Doch nach einer erneut ruhigen Eröffnungs- und frühen Mittelspielphase schlitterte Helen in ein äußerst schwieriges Leichtfigurenendspiel, das ihre Gegnerin trotz einiger ungenauer Züge schließlich zum Sieg führte und damit Sonja doch noch den nicht mehr für möglich gehaltenen Titel verschaffte.

 Das doppelte Titelduell in Runde 3:

Braje-PeetzMonika Braje (rechts) gegen Katharina Peetz…

Noll-Weinmann

… und Sonja Noll (rechts) gegen Helen Weinmann

SonjaDoch noch Siegerin: Die überglückliche Sonja Noll nach dem Titelgewinn

 

Wenn man ein Fazit ziehen sollte, so könnte dies lauten: Es war ein seitens des ausrichtenden Vereins perfekt organisiertes Turnier in – wie bei den schachspielenden Frauen üblich – entspannter und freundschaftlicher Atmosphäre. Durch den spannenden Turnierverlauf kamen auch die Kiebitze – vor allem die Mitglieder des Birkenfelder Vereins, die an allen Tagen zahlreich vorbeischauten – auf ihre Kosten. Dennoch muss eine Steigerung erfolgen: Die Vorbereitung seitens der beiden Verbände sollte bei der zweiten Auflage des Turniers besser koordiniert werden und vor allem sollten sich mehr Spielerinnen auf das Experiment einer gemeinsamen Meisterschaft einlassen. Sonst besteht die Gefahr, dass diese gute Idee keinen langen Bestand haben wird.

 

Nach diesem allgemeineren Bericht noch einige Bemerkungen aus der Sicht unseres Vereins:

Zunächst gilt der Dank noch einmal der Stadt Birkenfeld, die das Turnier großzügig unterstützte und in Person des Stadtbürgermeisters Miroslaw Kowalski bei der Eröffnung vertreten war. Nicht genug würdigen kann man auch die unermüdlichen Helfer, die im Vorfeld das Turnier organisierten und tatkräftig bei der Durchführung mitwirkten. Hier möchte ich neben vielen anderen besonders Kurt Geibel und Ernst Michael Porcher nennen.

EröffnungEröffnung des Turniers durch den Vorsitzenden der Schachfreunde Birkenfeld, Kurt Geibel (links) und den Birkenfelder Bürgermeister Miroslaw Kowalski

 

Die letzten drei Plätze bei einer Meisterschaft – das klingt nicht besonders eindrucksvoll. Man könnte also leicht das Abschneiden von Sabine Ziegler, Verena Jacobs und Katharina Bohrer als Misserfolg ansehen, wenn man nur auf die Zahlen schaut. Doch das würde den Leistungen unserer Spielerinnen in keiner Weise gerecht. In mehreren Partien hielten sie hervorragend mit, und oft fehlt nur etwas Erfahrung (oder auch einfach Glück!), um etwas Zählbares aus den guten Stellungen herauszuholen.

Bohrer-JacobsRunde 2: Das Birkenfelder Vereinsduell Verena Jacobs (links) gegen Katharina Bohrer plus ihr Maskottchen „Froschi“

Sabine begann mit einer extrem zweischneidigen Partie gegen Dr. Katharina Peetz, in der sie (mit den schwarzen Steinen!) ihre Gegnerin unter Druck setzte und einige Angriffsideen gegen ihren König versuchte. Letztlich gelang es Katharina Peetz, alle diese Drohungen abzuwehren und den vollen Punkt einzufahren – nicht unverdient und angesichts der um fast 300 Punkte höheren DWZ auch nicht unerwartet, dennoch eine gute Partie von Sabine. Es folgte ein ausgekämpftes Remis gegen Verena. Natürlich hätte diese Partie an mehreren Stellen in die eine oder andere Richtung kippen können, aber insgesamt ist das Unentschieden nach dem Partieverlauf leistungsgerecht. Weniger leistungsgerecht war das Remis in Runde 3 gegen Beate Tröger. Hier zeigte Sabine ihre beste Leistung, setzte ihre Gegnerin von Beginn an unter Druck und verpasst mehrmals die gewinnbringende Abwicklung. Zu guter Letzt kam trotz deutlicher „Feldvorteile“ nur ein Endspiel mit Mehrbauer heraus, das angesichts der ungleichfarbigen Läufer leider in ein Remis mündete. Runde 4 brachte das nächste Vereinsduell gegen Katharina. Hier machten sich Sabines größere Theoriekenntnisse bemerkbar, so dass Katharina trotz gewohnt hartnäckiger Gegenwehr letztlich ohne echte Chance blieb. In der Schlussrunde gegen Monika Braje war bei Sabine sichtlich die Luft raus. Hier war sie es, die kaum Chancen auf etwas Zählbares besaß, was aber natürlich auch an der höheren Spielstärke der souveränen Gesamtsiegerin Braje lag. Kurz und gut: 2 Punkte aus 5 Partien sind in Ordnung und entsprechen weitgehend Sabines DWZ-Erwartung, aber zumindest in der Partie gegen Beate Tröger war ein halber Punkt mehr möglich.

In noch stärkerem Maße gilt dies für Verena. In der ersten Runde kam sie gegen Sonja Noll gut aus der Eröffnung, ehe ein taktisches Übersehen eine Figur und folglich auch die Partie kostete. Dem Remis gegen Sabine in Runde 2 folgte ein langer und harter „Arbeitssieg“ gegen Katharina. Die Niederlage gegen Katharina Peetz in Runde 4 kann man als „normal“ einstufen: Hier kam Verena mit der Mittelspielstellung nicht zu Recht und büßte nach zu später Rochade Material ein. Alles andere als normal verlief aber der abschließende Verlust gegen Beate Tröger. Nach zuvor wenig spektakulärem Partieverlauf stellte Beate Tröger kurzzügig einen Läufer ein, den Verena auch völlig zu Recht mitnahm – um kurz darauf ein zwar tückisches, aber nicht unparierbares Grundreihenmatt zuzulassen. Viel Pech gerade in dieser Partie: Statt der tatsächlichen 1,5 Punkte hätten es auch ohne Weiteres 2,5 sein können.

Es bleibt Katharina. Aus Sicht eines Trainers ist man immer froh, wenn Kinder sich der Herausforderung eines Erwachsenenturniers stellen. Die Partien, die in solch einem Turnier gespielt werden, wiegen viel schwerer als Partien gegen andere Kinder, wo naturgemäß deutlich fehlerhafter zu Werke gegangen wird. Daher bin ich stolz, dass Katharina an dem Turnier teilgenommen und sich durchgebissen hat, und bin sicher, dass ihr die dort gemachten Erfahrungen bei der Entwicklung ihrer Spielstärke sehr helfen werden. Dieses Mal gab es noch keine Punkte für sie – bei der nächsten Gelegenheit kann es schon ganz anders aussehen, denn auch bei der diesjährigen Meisterschaft hatte sie in zwei Partien gute Möglichkeiten. Gegen Verena spielte sie über 70 Züge absolut auf Augenhöhe. Zeitweilig hatte sie sogar einen Mehrbauern, aber auch, nachdem Verena das Material ausgleichen konnte, stand Katharina dank eines weit vorgerückten Freibauern im Schwerfigurenendspiel besser. Die Irrungen und Wirrungen, die letztlich zum Verlust dieses Bauern und der Partie führten, müssen hier nicht beschrieben werden; man darf festhalten, dass Verena in dieser Partie zweier gleichwertiger Gegnerinnen das Glück auf ihrer Seite hatte. Gleiches trifft auf Katharinas Partie in der 3. Runde gegen Beate Tröger zu. Hier besaß Katharina wegen eines starken Zentrumsspringers Vorteile, die bei richtigem Spiel vermutlich zum Sieg ausgereicht hätten. Auch hier bedeutete ein unglücklicher Figurentausch die Wende der Partie, denn das entstehende Bauernendspiel war leider für Katharina verloren. In diesen beiden Partien wären also mindestens zwei Remis möglich und verdient gewesen, während es in den restlichen drei (gegen Helen Weinmann, Sabine Ziegler und Sonja Noll) noch nichts zu ernten gab – auch hier liegt die Betonung auf „noch“. Angesichts der großen Fortschritte, die ich als Katharinas Trainer jede Woche beobachten kann, ist es für mich nur eine Frage der Zeit, bis unsere Nachwuchsspielerin bei einer vergleichbaren Meisterschaft vorne mitspielen wird.

Gruppenbild

Gruppenbild mit Schiedsrichter Wolfgang Pitsch, Cheforganisator Kurt Geibel – und „Froschi“

1 Antwort zu “Experiment mit Steigerungspotential”


  1. avatar Marcus

    Danke Mario für den Artikel! Ich selbst kam die Woche nicht dazu und hatte nur schon mal das Bild für den Zeitungsartikel bearbeitet …
    Nebenbei aber auch schon mal die Aufstellungen für die nächste Saison aktualisiert! Zu finden unterm Menüpunkt „Liga“ 😉

    Es war eine schöne Veranstaltung in netter Atmosphäre!

    Zwei weitere Berichte gibt es auch schon. Einmal auf der Seite von Sonjas Verein Caissa Schwarzenbach, die interessanterweise wie wir ein WordPress-Blog für ihre Vereinshomepage nutzen:
    Bericht des SC Caissa Schwarzenbach

    Der zweite Bericht findet sich auf der Seite des Schachbundes Rheinland-Pfalz:
    Bericht auf der Seite des SBRP.