Zukunft des Schachs oder Eintagsfliege? – Birkenfeld startet in die Schach-Online-Liga

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„Deutsche Schach-Online-Liga“, kurz DSOL, heißt das jüngste Kind des Deutschen Schachbundes, bei dessen Geburt der Corona-bedingte Lockdown eine gewichtige Rolle spielte. Das weltweite Stocken des Spielbetriebs rief schnell verschiedene Initiativen hervor, das „königliche Spiel“ noch stärker ins Internet zu bringen. Dies verwundert wenig, ist doch Schach, wie wenige andere Sportarten, dazu prädestiniert, online gespielt zu werden, so dass sich die zahlreichen Spielangebote im Internet seit langem großer Beliebtheit erfreuen. Natürlich gibt es dennoch Unterschiede zwischen dem „Normalschach“ am realen Brett und dem Spielen am Computer, Tablet oder Handy, aber solange beide Formen nebeneinander existierten, wurden diese Unterschiede selten diskutiert – schließlich konnte jeder die Art betreiben, die ihm mehr zusagte. Doch dann kam Covid 19, alle Sportveranstaltungen und damit auch alle Schachturniere wurden schlagartig abgesagt, und plötzlich entbrannte eine Debatte, inwieweit Online-Schach das bisherige Vor-Ort-Schach nicht nur ergänzen, sondern sogar ersetzen könnte. Die Meinungen reichen von „Online-Schach ist reine Spielerei und kann das Normalschach niemals ablösen“ bis hin zu „eigentlich ist Online-Schach die viel bessere Variante, wozu brauchen wir das Normalschach noch?“ Und natürlich gibt es auf beiden Seiten gute Argumente. Ich werde weiter unten darauf eingehen.

Den ersten Punkt für den neuen Verein erzielte, wenn auch mit etwas Glück, Milan Schneble.

Zunächst einmal ist es zu begrüßen, dass der Deutsche Schachbund den Schachspielern eine Möglichkeit anbietet, unter „Turnierbedingungen“ – oder zumindest turnierähnlichen Bedingungen – ihren Sport auszuüben. Bewusst wurde als Bedenkzeit nicht das ansonsten allerorts praktizierte Blitz gewählt, sondern 45 Minuten + 15 Sekunden Inkrement pro Zug. Damit kann man schon recht vernünftiges Schach spielen, allerdings birgt die längere Bedenkzeit auch eine erhöhte Gefahr des Cheatings. Doch auch dazu weiter unten mehr. Gespielt wird in der DSOL in Vierermannschaften, von denen deutschlandweit 246 gemeldet wurden. Nach dem DWZ-Schnitt der Stammbesetzung wurden sie auf 8 Ligen verteilt. Die Schachfreunde Birkenfeld starten in der 5. Liga, Gruppe B, wo sie sich mit 7 anderen Mannschaften messen. Die beiden Ersten der Gruppe dürfen in einem Playoff gegen die Besten der anderen Gruppen weiterspielen.

Am Freitag, den 26. Juni, fand unser erstes Match gegen die 2. Mannschaft des SC Ketsch aus Baden-Württemberg statt, und da ich als Mannschaftsführer der Heimmannschaft das Vergnügen hatte, auch als Turnierleiter zu fungieren, war ich erstaunlicherweise relativ nervös. Erstaunlicherweise deshalb, weil nach 30 Jahren Turnierschach und vielen Saisons als Mannschaftsführer eine Wettkampfleitung eigentlich wirklich nichts Besonderes mehr sein sollte. Aber online ist eben doch anders, und in der technischen Vorbesprechung der Mannschaftsführer in der Vorwoche waren diverse mögliche Probleme thematisiert worden: Was passiert beim Nichtantritt von Spielern, verspätetem Partiebeginn, Verbindungsabbrüchen usw. Auf manchen Internetseiten fiel das Fazit der Vorbesprechung sehr negativ aus, und gerüchteweise überlegten sogar Mannschaftsführer, ihre Teams wieder abzumelden. Ob es dazu wirklich gekommen ist, kann ich nicht sagen – zumindest unser Wettkampf verlief absolut reibungslos und sportlich zudem sehr erfolgreich.

Mit 86 Jahren auch im Onlineschach hochmotiviert: Rudolf Meier.

Die Schlüsselpartie war diejenige am 4. Brett, wo unser Neuzugang Milan Schneble in seiner ersten Partie für Birkenfeld eine Achterbahnfahrt erlebte: Einem Bauerngewinn in der Eröffnung folgte ein Figurenverlust, wonach die Partie eigentlich verloren war, zumal sein Gegner einen brandgefährlichen Königsangriff besaß. Doch statt forciert mattzusetzen glitt ihm der Vorteil mehr und mehr aus der Hand. Letztlich landete Milan in einem Endspiel mit Mehrqualität, das er problemlos gewann. Es ist klar, dass gerade bei nur vier Brettern der Unterschied zwischen einem (fast) sicheren 0:1 und dem letztlich erzielten 1:0 gewaltig ist – die anderen Birkenfelder Spieler konnten viel befreiter an die eigenen Partien herangehen.

Es folgte ein ausgekämpftes Remis unseres Seniors Rudolf Meier. Rudi spielte eine starke Partie und besaß nach der Eröffnung klaren Vorteil. Letztlich erlaubte ein etwas verfrühter Figurentausch dem Gegner ausreichendes Gegenspiel im Doppelturmendspiel, so dass Rudi beschloss, angesichts unserer Führung nicht das letzte Risiko einzugehen und der Punkteteilung zuzustimmen. An dieser Stelle noch einmal großen Respekt vor Rudi, der mit seinen 86 Jahren das Online-Schach immer mehr für sich entdeckt hat und bei dem Wettkampf hochmotiviert dabei war.

Den Siegpunkt erzielte am Spitzenbrett Niklas Leyendecker, der in einer lang ausgeglichenen Partie erst einen Mehrbauern herausarbeitete und diesen im Turmendspiel verwertete. Als entscheidend erwies sich, dass es dem Gegner nicht gelang, die Aktivierung von Niklas‘ König zu unterbinden. Meine eigene Partie endete in einem korrekten Remis: Nach etwas ungenauer gegnerischer Eröffnungsbehandlung hatte ich einige Zeit in einem damenlosen Mittelspiel einen Mehrbauern, für den mein Gegner aber mehr oder weniger ausreichende Kompensation besaß. Meine recht oberflächliche Behandlung dieses Mittelspiels ließ die Partie schließlich in ein ausgeglichenes Turmendspiel münden, das kurioserweise auch dann noch nicht zu gewinnen war, als mein Gegner in Folge eines Mouse Slips zwei Bauern (!) einstellte:

Weiß hat gerade en passant auf h6 geschlagen, und natürlich wollte mein Gegner auf h6 zurückschlagen, wonach man im Grunde sofort Remis geben kann. Aber die Maus wollte es wie gesagt anders, und so stand plötzlich 43…Th5 auf dem Brett. Der zweite Bauer geht forciert nach 44.Ta7+ Kg8 45.Tg7+ Kh8 46.Txg6 verloren, aber selbst diese Stellung ist theoretisch Remis, was auch die Tablebases bestätigen. Ungeachtet dessen kann Weiß natürlich Gewinnversuche unternehmen, zumal ich die etwas bessere Zeit hatte. 46…Kh7 47.Ta6 Tb5 48.Ke4 Tc5 49.Kf3 Tb5 50.Kg4 Tc5 51.Te6 Tb5 52.Te5 52…Tb6 53.Kg5 und hier bot ich, da Niklas mittlerweile gewonnen hatte, Remis an, was mein Gegner natürlich sofort akzeptierte.

Ein Fazit – selbstverständlich ein ganz subjektives. Unser Match verlief reibungslos. Natürlich gab es auch keine technischen Probleme, keine nennenswerten Verbindungsabbrüche, keine verspäteten oder kampflosen Partien und keine Proteste. Bei anderen Wettkämpfen ging es aber wohl nicht so gut, jedenfalls erreichte mich gestern eine Mail der Wettkampfleitung, dass die 2. Runde, die eigentlich für diese Woche angesetzt war, wegen technischer Probleme verlegt wird.

Und wie ist nun das Feeling dieser Wettkämpfe – oder, um auf die Überschrift zurückzukommen: Ist Online-(Schnell-)Schach die Zukunft des Schachs oder eine Corona-bedingte Eintagsfliege, die sich mit der Zeit wieder in Luft auflösen wird? Fangen wir mit dem Positiven an: Online-Turniere sind bequem für den Spieler, der sich Anreisen, eventuelle Übernachtungen und sonstigen Aufwand spart. Er muss quasi nichts anderes tun, als sich in den eigenen vier Wänden rechtzeitig auf dem Server einzuloggen und vielleicht noch eine Tasse Kaffee neben seinen Computer zu stellen. Sie sind aber auch bequem für Veranstalter: Ein mittelgroßes Schach-Open mit, sagen wir, 200 Teilnehmern setzt viel Organisation voraus, einschließlich des Beschaffens einer geeigneten Spielstätte mit allem, was für solch ein Turnier eben benötigt wird. Wegen dieses Aufwandes und des finanziellen Risikos, das ein Veranstalter unter Umständen eingeht, will die Ausrichtung eines solchen Opens wohl überlegt sein. Für ein Online-Turnier genügen wenige Mausklicks. In der Vergangenheit wurden Online-Turniere in der Regel mehr oder weniger aus Spaß durchgeführt, aber seit den Corona-bedingten Einschränkungen nehmen die ernsthaften Veranstaltungen im Internet immer mehr zu, teilweise auch unter Beteiligung der Weltelite. Das verwundert nicht, denn auch für reiseerprobte Profis wie Carlsen und Caruana ist es zumindest bequemer, vom heimischen Sofa aus zu spielen. Und zuletzt ist es natürlich ein riesiger Vorteil, dass man online gegen Spieler antreten kann, die man „in echt“ wohl niemals treffen würde – genauso wie es sicher nie einen Wettkampf Birkenfeld-Ketsch an realen Schachbrettern gegeben hätte.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Bei einer Partie über das Internet fehlt notgedrungen der persönliche Kontakt, der für viele Schachspieler einen entscheidenden Grund darstellt, warum man überhaupt Turniere und Mannschaftskämpfe spielt: Weil man Bekannte trifft, mit ihnen spielt, analysiert, sich unterhält. All das kann man zwar auch online: Spielen sowieso, analysieren auch, selbst unterhalten ist möglich – und wenn es nur über eine Chatfunktion ist, die jedes Programm anbietet. Und doch ist es zumindest für mich ein riesiger Unterschied, ob ich mich sonntags beim Wettkampf mit den Vereinskameraden treffe oder ihnen nur online begegne.

Niklas Leyendecker erzielte beim Auftaktsieg unserer Mannschaft den entscheidenden Punkt.

Neben dieser sozialen Komponente, die für den einen vielleicht eher eine Rolle spielt als für den anderen, ist das Hauptproblem des Online-Schachs die Gefahr des Betrugs, neudeutsch als Cheating bezeichnet. E-Doping, also die unerlaubte Nutzung von Schachsoftware während der Partie, ist auch im normalen Vor-Ort-Schach seit Jahren ein Problem, aber der Betrug im Turnier oder Mannschaftskampf durch Nutzung des Schachprogramms auf der Toilette (der „Klassiker“ unter den Betrugsmethoden) bedeutet zumindest erhöhten Aufwand und eine gewisse „kriminelle Energie“. Im Online-Schach, zumindest unterhalb der Profi-Ebene, kann man den Spieler kaum überprüfen, so dass er problemlos unerlaubte Hilfsmittel nutzen kann: Das beginnt beim Fragen eines stärkeren Schachspielers sofern dieser erreichbar ist, geht über das Einsehen von Eröffnungsbüchern und -datenbanken und endet beim Einschalten der Engine, wozu man sich diesmal noch nicht einmal aufs stille Örtchen zurückziehen muss. Diese Problematik spielt bei kürzeren Partien aus dem praktischen Grund etwas weniger eine Rolle, dass die Nutzung dieser Hilfsmittel eben auch Zeit kostet, die man in einer Blitzpartie nur begrenzt besitzt. Bei 45 Minuten + 15 Sekunden spielt der Zeitaufwand hingegen offenkundig keine Rolle. In der technischen Besprechung der Mannschaftsführer wurde dieses Thema angesprochen, aber außer der Hoffnung des DSB, es ginge ja allen ums Schachspielen, und dem Hinweis eines ChessBase-Mitarbeiters, wenn in größerer Zahl Betrugsfälle aufträten würde man die Liga eben in Zukunft nicht mehr wiederholen, kamen nur vage Hinweise, man könne aus der Übereinstimmung mit Computerzügen und der Anzahl an Task Switches (also dem Wechsel der Fenster am Computer) Hinweise auf die Nutzung einer Software gewinnen. Das ist halbwegs unbefriedigend: Zum einen wird dadurch nur der Einsatz von Programmen überprüft, nicht der von Datenbanken und Eröffnungsliteratur (und wer sagt, das spiele keine große Rolle, hat noch nie in einer scharfen Sizilianisch-Variante am Brett verzweifelt versucht, sich an die Fortsetzung nach dem 12. Zug zu erinnern!), zum anderen kann man, so behaupte ich, mit etwas „krimineller Energie“ eine Überprüfung nach Computerzügen aushebeln. Ich bin wahrhaftig kein Computerexperte, aber mit 45 Minuten + 15 Sekunden kann man sich sehr genau überlegen, wann man das Programm zuschaltet (das noch nicht einmal auf dem gleichen PC laufen muss, was auch das Thema der Task Switches erledigt), ob vielleicht auch der drittbeste angezeigte Zug noch genügt usw. Oft ist es ja schon ausgesprochen hilfreich, wenn man nur weiß, wie eine Engine die Stellung bewertet, selbst wenn man keine Züge direkt übernimmt. Und übrigens: Eine Überprüfung nach Computerzügen wird vermutlich nur vorgenommen, wenn überhaupt ein „begründeter Verdacht“ besteht, also in aller Regel eben nicht. Es würde mich sehr wundern, wenn in den 492 Partien der 1. Runde nicht ein einziges Mal ein Hilfsmittel verwendet worden wäre, das in einer Partie am realen Brett nicht zum Einsatz gekommen wäre. Aber vielleicht sehe ich hier auch zu schwarz.

Mein Bericht ist viel länger geworden, als ich es ursprünglich geplant hatte, aber die DSOL ist nun einmal ein neues und spannendes Projekt. Sollte es irgendwie gelingen, alle technischen Voraussetzungen für einen stabilen Spielbetrieb zu schaffen (was meiner Meinung nach ganz sicher gelingen wird) und sollte man das Cheating-Problem lösen oder wenigstens entschärfen können (wobei ich deutlich weniger optimistisch bin), kann sie dauerhaft eine Ergänzung zum normalen Spielbetrieb werden. Wohlgemerkt aus meiner Sicht nur eine Ergänzung, kein Ersatz, dafür liebe ich das Spielen am Brett gegen einen Gegner, der mir leibhaftig gegenübersitzt, zu sehr. Aber als zusätzliches Angebot hätte die DSOL in jedem Fall ihre Vorzüge. Ich wünsche dem Projekt, dass es erfolgreich sein wird, und ich werde die weiteren Entwicklungen mit Spannung abwarten.

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